"Eine Blume am 8. März reicht nicht" - Ein Plädoyer, warum Feminismus heute immernoch wichtig ist
Man möchte meinen, dass über 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts die Gesellschaft in Deutschland genug Zeit hatte, auch anderweitig in Punkten Gleichberechtigung nachzuziehen und sicherlich wurden seitdem einige wenige Erfolge errungen. Dennoch muss man feststellen: Wir sind längst nicht dort, wo wir sein könnten und sein müssten.
So gibt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auch 2020 immer noch einen Genderpaygap von 19 Prozent an. Das bedeutet, dass Frauen* knapp ein fünftel weniger Gehalt bekommen als Männer, obwohl sie die gleiche Arbeit leisten. Von gleichberechtigter Behandlung keine Spur. Das trifft dann auch zu, wenn es um Einstellungskriterien für einen Job geht. Habt ihr von einem männlichen Freund schon einmal gehört (oder es selbst erlebt), ob das "Kinder haben" oder "Kinder kriegen wollen" beim Einstellungsgespräch zum Kriterium für den Job wird? Nun, ich auch nicht. Ebenso die sogenannte "Care-Arbeit", also unbezahlte Sorgearbeit wie Kinderbetreuung und Haushalt, ist häufig Frauen*sache und wen wundert es da, dass es dafür kaum Anerkennung gibt, so dass Frauen* hierfür auch bei der Rente Einbußen hinnehmen müssen. So ist es eine Konsequenz daraus, dass viele Frauen* in Beziehungen getrieben oder in diesen gehalten werden, weil sie sich kein finanziell unabhängiges Leben leisten können und dafür auch die ein oder andere negative Erfahrung in Kauf nehmen. So sind es ebenfalls Frauen*, die in den meisten Fällen die Betroffenen von sexueller Gewalt sind - 81,3 Prozent der Betroffenen sind Frauen*. In Beziehungen sind es gar über 98 Prozent. Vergewaltigung in der Ehe wurde erst 1997 unter Strafe gestellt. "Da muss man doch was machen", "Ich bin ja schon Feminist" oder "Ich war ja aber nie übergriffig und bin total reflektiert in meinem Verhalten" mag da nun so mancher "Kerl" aus der linken Szene schnell denken. Doch wirklich allerspätestens die Outcalls des letzten Jahres zeigen: Wir haben hier genauso viel Aufholbedarf.
Sexismus, Mackertum und sexuelle Gewalt sind auch ein großes Problem der linken Szene und auch hier werden die Augen viel zu oft verschlossen, Täter erfahren viel zu oft Solidarität, die bei den Betroffenen wiederum fehlt. Viel zu oft werden Erlebnisberichte der Betroffenen, wenn sie es schon geschafft haben und den schweren Weg gegangen sind und sich öffnen konnten, in Frage gestellt und sich mit den Tätern solidarisiert. Wer in der linken Szene aktiv und Antifaschist ist, der kann natürlich kein Macker oder sexueller Täter sein?! Das ist natürlich Quatsch. Vermutlich jeder von uns war bereits sexistisch oder übergriffig in seinem Verhalten und wir müssen endlich lernen, das auch ernsthaft und vor allem dauerhaft zu reflektieren und dieses Verhalten abzuändern. FLINTA* dürfen nicht um Solidarität betteln müssen, sie muss selbstverständlich sein. Es braucht klare Safe Spaces und es ist unser aller Aufgabe dafür zu sorgen, dass diese auch Realität werden.
Auch an anderen Stellen erfahren FLINTA* Diskriminierung. Beispielhaft stehen hierfür Verhütung und Schwangerschaftabbrüche. Verhütung wird noch immer viel zu oft als "Frauensache" betrachtet. "Sie bekommen schließlich die Kinder, also sollen sie auch verhüten" ist dabei keine seltene Ansicht. Doch dass FLINTA* dadurch dazu genötigt werden, Hormone einzunehmen, die drastische körperliche und psychische Nebenwirkungen haben können, wird entweder in Kauf genommen oder ausgeblendet. Auch Sterilisation ist für FLINTA*, vor allem U30 und ohne Kinder, nicht einfach. Viele Ärzt*innen nehmen einen solchen Eingriff gar nicht erst vor und wenn doch, braucht es einen medizinischen Grund. Die höchste Erwartung an eine Frau* ist es noch immer, Kinder zu gebären und Mutter zu sein. Frauen* ohne Kinderwunsch werden meist nicht ernst genommen und mit Aussagen wie "Du hast nur noch nicht den richtigen Partner gefunden!" oder "Und wer kümmert sich um dich, wenn du alt bist?" belächelt und klein gehalten. Das Recht aus Selbstbestimmung wird komplett abgesprochen - herzlich Willkommen in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts!
Ein, in den letzten Wochen prominenter besetztes Thema, ist die Informationsmöglichkeit über Schwangerschaftsabbrüche. Ärzt*innen ist es auf Grund der steinzeitlichen Paragraphen 218 und 219a verboten, über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren, da dies als Werbung für die angebotene Leistung betrachtet wird. Man unterstellt FLINTA* kollektiv, sie würden, wenn Ärzt*innen informieren dürften, in die Praxen wie in Supermärkte rennen. Ein völlig abstruses und diskriminierendes Weltbild, welches leider rechtliche Realität ist und mit welcher viele Gefahren, wie gefährliche Schwangerschaftsabbruchsversuche im Ausland, einhergehen.
Die Problematik ist weit vielfältiger, als dass ich es in diesem Text habe darstellen können, aber ich hoffe dennoch wenigstens etwas die Notwendigkeit für einen feministischen Kampf aufgezeigt haben zu können, wohlwissend ob meiner privilegierten Position als weißer cis-Mann.
An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner sehr guten Freundin M bedanken. Sie begleitet mich schonungslosehrlich durch meine eigenen Reflexionsprozesse und ist für mich, neben privaten Angelegenheiten, auch und gerade für dieses Gebiet eine enorm wichtige Ansprechpartnerin.
Empfehlenswerte weiterführende Links zu diesen Thematiken (wer noch weitere coole feministische Projekte kennt, die Probs verdient haben, bitte gern melden und ich ergänze):
https://www.selbstbestimmt-steril.de
https://twitter.com/marga_owski
https://www.instagram.com/aufklo/?hl=de
