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Überflüssige Debatte oder überflüssiger Kommentar?

In der Ausgabe der heutigen Thüringer Allgemeine Nordhausen befindet sich ein aktuelles "Guten Morgen", welches sich der, in der jüngeren Zeit sehr präsenten, Debatte um kulturelle Aneignung widmet. Schade finde ich, dass der Autor dabei jedoch nicht über Plattitüden wie "es gibt wichtigere Dinge" hinaus kommt und somit argumentativ nichts zu bieten hat, sondern dabei inhaltlich vollkommen vorbei an der eigentlichen Debatte fährt.

Die Frage, ob Dreadlocks, um die es bei dem Konzertabbruch ging, kulturelle Aneignung sind, ist nicht so einfach in wenigen Zeilen zu beantworten. Dafür müsste man sich auch zunächst einmal mit der Definition von kultureller Aneignung beschäftigen. Diese wird einerseits als "Handlungsspielraum der Machtlosen" beschrieben und meint dabei widerständige Praxis gegen Kolonialmächte (Hahn 2011). Andererseits versteht sich darunter die Aneignung einer Kultur A von Eigenschaften einer Kultur B, wobei A in einem herrschenden Verhältnis zu B steht (oder historisch stand) und B diese Aneignung nicht wünscht (Illmer 2021). Insofern wären Dreadlocks durchaus kulturelle Aneignung in dem Sinne, dass sie ein Teil der (politisch) widerständigen Praxis unterdrückter schwarzer Menschen gegen das Herrschaftssystem der Kolonialmächte sind und waren. Die Ethnologin und Afrikanistin Maimouna Jah erklärt dazu, dass es sich bei verfilzten Haaren allein noch nicht, um ein politisches Statement handelt und auch weiße Menschen, sich die Haare verfilzen dürfen. Nenne man seine Frisur aber Dreadlocks bezieht man sich damit auch auf einen gewissen (politischen) Kampf, den die Rastafari-Gemeinschaft ausfechten musste. Wenn ich also diese Frisur bewusst so trage und nenne, stehe ich auch in der Pflicht mich mit der Geschichte der Bewegung auseinanderzusetzen und entsprechend Stellung zu beziehen. Ob das bei der entsprechenden Band der Fall ist, weiß ich nicht. Nachdem ich erste Interviews von ihr gelesen habe, halte ich das aber zumindest für fragwürdig und sehe darin eher einen Marketing- oder Modezweck. Das wiederum wäre zu kritisieren, da es sich bei Dreadlocks eben nicht nur um eine Frisur handelt, sondern um einen Bestandteil eines politischen Widerstandskampfes, der seiner Bedeutung damit beraubt wird. Die Frage, ob dies nun jedoch der Definition von kultureller Aneignung entspricht, ist wiederum schwieriger zu beantworten. In jedem Fall werden zwei der drei Punkte der zweiten Definition (Kultur A eignet sich eine Eigenschaft von Kultur B an und Kultur A steht/stand in einem herrschenden Verhältnis zu Kultur B) erfüllt. Zum dritten Punkt habe ich allerdings noch keine Aussage einer für die gesamte oder wesentliche Teile der Rastafari-Bewegung stehende Organisation gefunden. Dieser Punkt bleibt also offen. Dies sei aber auch nur der Versuch gewesen, die Debatte in aller Kürze darzustellen und erhebt somit keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Auch ist mir nicht bekannt, dass Jeanshosen oder irgendein Essen diese wesentlichen Merkmale erfüllt, weshalb sie für diese Debatte völlig belanglos sind und nur noch einmal unterstreichen, dass der Autor sich nicht mit der Thematik auseinandergesetzt hat. Überflüssig ist damit nur dieses "Guten Morgen".

Als Einstieg kann ich dazu übrigens diesen Podcastbeitrag von Deutschlandfunk Kultur empfehlen

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